… Rollstuhl? …. Ich?

“Du willst mich verarschen?” – hätte ich Dich noch vor zwei Monaten gefragt. Blablabla …. dem Raucher sein Bein und so nen Dreck. Wer will das denn hören.

Außerdem muss man, um im Rollstuhl zu landen ja krank sein – oder seltsame Neigungen haben. Und krank war ich seit zig Jahren nicht. Ok, ab und an habe ich Probleme mit dem rechten Knöchel. Aber da hatte ich ja auch zu Jugendzeiten mal einen Vorfall an den sich blöderweise keiner mehr so richtig erinnern kann. Irgendwas war da mit ner Absplitterung nach ner Aktion mit Eisblöcken. Aber da war ja auch Jahrzehnte nix.

Also bin ich eigentlich gesund …. sozusagen. Aber vielleicht doch mal nach dem Knöchel schauen lassen. Röntgen sagt der Hausarzt. Also auf zum Röntgen – geht schnell, tut nicht weh. Und ergibt: nix. Keine Brüche, keine Splitter. Na denn, ich sag ja – ich bin eigentlich gesund. Nur das der Knöchel inzwischen eine recht deutliche Rundung an den Tag legt. Dann müsste man mal die Weichteile ins Auge nehmen, sagt der Hausarzt – Also wird ein MRT verordnet. Und da beginnt das ganze langwierig zu werden. Und damals hatte ich im Gegensatz zu heute noch keinen Zeitüberfluß. Nach Wochen des Wartens habe ich mich dann nach Friedberg fahren lassen – zum MRT. Selber fahren war mir nach einer “Nahtoterfahrung” auf der A45 nicht nach. Einige Tage zuvor war ich so schön gemütlich nahe der 200 auf der A45 unterwegs als vor mir ein Sprinter rauszieht und mich zur Vollbremsung zwingt. Ich hab gedacht mir reisst’s den Fuß ab. Da stand fest: Fahrten die du delegieren kannst, delegiere. Das ist das Risiko nicht wert. Aber auch das MRT zeigte nichts zielführendes. Der Befund wurde dann natürlich auch an meinen Hausarzt geschickt.

Eine Woche drauf kommt ein zweites Schreiben vom gleichen Radiologen – er habe da nochmal reingeschaut und er hege eine Vermutung. Ich möge doch nochmal zum CT kommen. Also – Frau ans Steuer – wieder nach Friedberg.

Und dann fing der Diabetes an seine ganze üble Fratze zu zeigen.

Während ich beim Radiologen meinen Kugelknöchel präsentierte fand meine Frau auf der anderen Straßenseite ein Schuhgeschäft. Nein – Diabetes fördert nicht den weiblichen Schuhtick. Sie hat Birkenstocklatschen gefunden – für Männer. Ich stehe da drauf. Also nicht nur im physischen Sinne.

Hatte also alles was Gutes – zwei Tage später kamen die Breitseiten.

Abends fragt meine Frau mich, wie denn die neuen Schuhe aussähen. Braun sagte ich in meiner üblich sachlichen Art. Nene, innen, meinte sie. Meinem und erst recht ihrem wachsamen Auge entging nicht die Verfärbung. Also musste man dem doch mal nachgehen – Socken ausgezogen: Handtellergroß offen. Und mit offen meine ich nicht nur Blase gelaufen. Offen – dritte, vierte Hautschicht weg. Nacktes Fleisch.

Meine Frau ist hart im Nehmen in Sachen Wundversorgung – aber das war dann erstmal ne Spur zu heftig. Also ab in die Notaufnahme – Sonntagnacht, 23:00. Herzlichen Glückwunsch.

Die Schwester packts aus – der Doktor schauts an und stellt eine einzige vernichtende Frage: “Diabetiker?”

Ähm, ja – und? Na, da haben wirs ja. Einpacken, morgen zum Hausarzt. Super – jetzt weiß ich mehr.

So im Nachhinein wurden mir dann ein paar Dinge klarer. Ich habe kein Schmerzempfinden in den Füßen – gar keins. Badewasser ist erst zu heiß, wenn es an der Wade ankommt. Lego-Steine verursachen Druck aber keine Schmerzen. Wieso sollten Scherben sich anders verhalten? Und genau so ist’s mit den Blasen gelaufen – von deren Hilferufen ich nichts gemerkt habe. Denn die verursachen ja nicht wirklich Druck.

Als die Schwester mir beim Verbinden dann so an die Ferse fasst und feststellt, das die Füße ziemlich trocken sind, bot sie an, mir die Füße mal eben einzucremen – geiles Angebot, stehe ich ja schon son bisschen drauf – ich solle mal den anderen frei machen. Hab ich dann gemacht. Wer möchte raten?

Exakt – ein offener Fuß kommt selten alleine. Also zwei knuddelige Verbände an die Hufe, strickte Anweisung am Folgetag zum Hausarzt zu gehen.

Bin ich dann auch – mehr oder weniger. Denn Laufen konnte man das da ja schon kaum noch nennen.

Und da bin ich dann auch 10 Wochen lang, zwei mal die Woche hin – bis die Füße wieder zu waren. Parallel zu so einigen anderen Maßnahmen.

Der Hausarzt hat mir dann das erste mal das Wort Charcot-Fuß präsentiert und mich zum Diabetologen überwiesen.

Und hier sind wir wiedermal beim Thema Zeit. Wenn Du nur so ein bisschen krank – also eigentlich eher gesund bist, dann brauchst Du Zeit – die Du ja eigentlich nicht hast.

Mir wurde dann ein Blutzucker weit jenseits der 10 diagnostiziert. Dann haben sie mir erklärt (oberflächlich) das der Charcot-Fuß im Zusammenhang mit dem Diabetes steht und ich dringend was gegen den Zucker machen müsse. Habe ich dann auch – innerhalb von 3 Monaten von 10.8 auf 7.4 – und ich lebe noch.

Dieser bekloppte Charcot-Fuß geht davon dummerweise nicht weg. Für die, die sich jetzt nicht in ärztliches Fachlatein googeln oder sich Bilder im Netz anschauen wollen, hat mein Orthopäde das Phänomen recht anschaulich erklärt:

Man stelle sich eine alte Steinbrücke – im Bogen gemauert vor, bei der oben in der Mitte ein Stein quasi die beiden Brückenhälften trägt. Und man stelle sich alte Steine an alten Kirchen vor, die gelegentlich vom Zahn der Zeit und von Witterungseinflüssen zerfressen werden. Nicht alle – aber einige.

Die Brücke ist das Fußgewölbe – das woran sich die Birkenstöcke so schön “geschubbelt” haben (Birkenstock kann übrigens nichts dazu – grundsätzlich bin ich von Birkenstock immer noch überzeugt. Sind halt nur zu mir nicht kompatibel). Und durch den Diabetes und die Blutchemie ist der Sockelstein der Brücke ausgewaschen und zerbröselt – und nicht nur der Eine. Das ganze ist in sich zusammengefallen. Dadurch rutscht das Bein nach innen vom Fuß, was bei jedem Schritt schmerzt und stößt mit den Unterschenkelknochen wie im Mörser weiter auf die Knochenfragmente. Jeder weitere Schritt verursacht mehr Schaden.

Das war’s – Schluss mit Laufen. Endstation Rollstuhl.

Die gute Nachricht: Das ganze verfestigt sich wohl wieder. Es werden aktuell spezielle Schuhe angefertigt. Standardschuhe wird es für mich wohl nicht mehr geben. Wenn die dann mal fertig sind, kann sich er Fuß daran entlang wieder verhärten. Immerhin ein Vorteil: ich kann in gewissem Maße beeinflussen wie meine Verkrüppelung nachher aussehen soll.

Ich werde wieder laufen können. Ich WILL wieder laufen können – lieber morgen als übermorgen. Und bis dahin mache ich das Beste draus

Viele Grüße

Euer Rolli

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