… Socialmedia?


In Zeiten von Corona ist soziales Leben so ne Sache für sich. Freunde bleiben auf Distanz – wenn sie Freunde sind. Familienbesuche reduziert man auf das nötigste – man möchte ja nach der Pandemie auch noch eine Familie haben.

Nunja – eine Familie habe ich ja. Aber nachdem ich durch meinen Diabetes im Rollstuhl gelandet bin – und entsprechend aktuell in meinem Beruf nicht arbeiten kann und unser Sohn eine Berufsausbildung macht, merke ich dann doch, das so ein Tag ohne Kontakte ganz schön lang werden kann. Ich könnte natürlich die Möglichkeiten des Online-Shopping ausloten. Dann kommt regelmäßig der Paket-Bote zum quatschen. Ach nee – das was früher. Heute kommen ja zig verschiedene Paketzusteller. Die meisten sprechen meine Sprache nicht oder sind dermaßen gehetzt das sie nicht Guten Tag sagen können. Wer weiß das schon.

Oder aber diese abgehackte Kommunikation ist ein Zeichen der Zeit? Ich bin ja nun schon deutlich über die 20 hinaus. Ich entstamme einer Zeit in der es die ersten Bildschirme mit 16 Farben zu kaufen gab, die sich rasend schnell weiter entwickelten – auf 1024. Als Student der Informatik hatte ich Gelegenheit schon früh an Kommunikationsformen wie Email und IRC teil zu haben. Die ersten Mobiltelefone die wir hatten, hatten ein ein bis zwei-zeiliges Display. Farben? Fehlanzeige. Email für Unterwegs? Ein Traum.

Wir kannten zwei Formen – es gab sicher mehr – aber im wesentlichen gab es Telefon, ja – wir haben miteinander gesprochen oder Email. Die ganz Modernen unter uns, die sich zu horrenden Preisen dauerhafte Internetverbindungen geleistet haben konnten IRC nutzen. Für die, die IRC nicht kennen -Whatsapp ist ähnlich. Nur das man bei IRC die Liste der verfügbaren Gruppen (Channels) abrufen konnte. Dafür musste man sich halt Bilder und Farben noch vorstellen. Was war das für eine Verbesserung als mit den Mobiltelefonen die SMS kam. Fatalerweise kostete damals noch jede einzelne SMS Geld – dafür musst man nicht warten bis das Gegenüber mal wieder an einem Computer war. Kommunikation nahm Tempo auf – dafür konnte ein Student schon mal ans Limit kommen, wenn er zu kommunikativ war. Aber es gab ja auch noch die Stammtische – man traf sich real, mit IRC Gruppen oder Freunden aller Art. Gut das die Pandemie nicht damals schon kam.

Zum Glück liegen da ja einige Jahre und technische Quantensprünge dazwischen. Heute haben wir alle Flatrates für dieses und jenes. Alles ist bunt und animiert – Whatsapp, Twitter, Instagram, Facebook …. Da findet sich doch immer irgendwas, womit in Pandemiezeiten beim Social-Distancing die Zeit rumkriegt. Ob das ganze sinn behaftet ist darf angezweifelt werden.

Ich hatte mich mit dem Thema vor einigen Wochen schon mal beschäftigt. Aber irgendwie … entweder bin ich zu alt oder der ganze Kram ist wirklich zu sinnlos und so hohl wie er mir auf den ersten Blick schon erschien …

Ich bin jetzt seit 3 Monaten bei Twitter angemeldet und an meinen ersten Eindrücken hat sich nicht wirklich viel geändert. Irgendwie scheint es eine kleine Gruppe zu geben, die witzig sind, die was zu sagen haben (inhaltlich) und mit denen man sich mitunter auch unterhalten kann. Wobei “sich unterhalten” hier auch irgendwie nicht so meinen Vorstellungen entspricht. Unterhalten war für mich immer bilinear – zwei oder mehr Menschen die im Wechsel kommunizieren. Neunzig Prozent dessen was ich bei Twitter beobachte besteht darin eine Phrase in den Raum zu schicken und einzelnen Leuten die Möglichkeit zu geben, ihren Senf dazu abzuladen. Mehr ist es dann auch meistens nicht. Von den Autoren – nein, von denen Initiatoren – liest man danach kaum mal wieder was in dem Thread. Initiatoren weil viele ja nicht mal eigenen Inhalt produzieren – retweeten nennt man das, ideal zur Reiweichtenerhöhung aber am Ende des Tages auch nur eine Kopierfunktion. Irgendwie gewinne ich immer wieder den Eindruck, das der Großteil dessen was da über den Bildschirm rotiert von Menschen stammt, denen man als Kind zu selten den Mund verboten hat und die heute endlich eine Plattform gefunden haben, wo ihnen andere “zuhören” “müssen”. Aber auch hier im anonymen Dasein – auf der anderen Seite des Netzes zeigt sich wieder, was im realen Leben nicht viel anders ist: Gleich und gleich gesellt sich gerne. Haste einen Schreihals, Populisten oder Bessermenschen, dann kannst Du sich sein, werden sich da auch nur seinesgleichen zu Wort melden. Die paar Menschen die echt konstruktives beitragen und auch mal an kontroversen Meinungen Interesse zeigen, sind dann doch leider sehr dünn gesät. Wie im realen Leben halt. Manchmal frage ich mich ob sich einige von den Vögeln (die darf man so nennen – die Twittern [zwitschern] nämlich) auch trauen würden, die Sprüche die sie da so absondern auch Face-to-Face zu wiederholen. Aber auch was das angeht, haben die sogenannten sozialen Medien nicht wirklich Fortschritte gebracht. Die andere Seite sind Menschen, von denen man immer mal wieder, auch in Nachrichtenmagazinen, Kolumenen etc. liest – die eigentlich den Eindruck machen, das sie eine gewisse Reife haben und hinterfragen – die aber ganz schnell auf den “blockieren”-Knopf drücken, wenn man eine eigene, abweichende Meinung hat, oder die Wirkung einer Veröffentlichung hinterfragt. 280 Zeichen sind halt auch nicht wirklich viel, wenn man einen Standpunkt verteidigen will – da ist ausknipsen sicher leichter als andere Kommunikationswege aufzugreifen.

Die paar wenigen Menschen die mir bisher interessant genug erschienen, das ich ihre Posts regelmäßig lese haben dann aber auch meist eine Website, einen Blog oder ähnliches, wo man dann mal richtig was lesen kann. Etwas das nicht durch die Zeichenbeschränkung inhaltlich so verstümmelt wird, das es entweder zu missverständlich ist um sinnvoll debattieren zu können oder aber direkt in der Bedeutungslosigkeit verschwindet.

Wenn das die aktuelle Auffassung von sozialem Leben ist, dann würde ich gerne die Zeit zurück drehen. Aber vielleicht helfen ja die Lockdown-Phasen dabei das reale Leben und die tiefer gehenden Kontakte zwischen realen menschen wieder wert zu schätzen.


Bild von Thomas Ulrich auf Pixabay

(Deine Bewertung kann die Erste sein)
Loading...
Einladungen zum mitdiskutieren verschicken:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

sechs − drei =

* Die Regeln zum Datenschutz habe ich zur Kenntnis genommen.